Ja-Nein-Vielleicht-Liste: So füllt ihr sie als Paar aus
Eine Ja-Nein-Vielleicht-Liste ist ein Fragebogen, auf dem zwei Menschen getrennt ankreuzen, was sie sich an Nähe wünschen, was sie sich vorstellen können und was nicht. Besprochen wird danach nur, was beide mit Ja oder Vielleicht markiert haben.
Was eine Ja-Nein-Vielleicht-Liste ist
Die Liste stammt aus der Sexualpädagogik und ist im Kern ein Gesprächswerkzeug. Sie führt Aktivitäten, Situationen und Rahmenbedingungen auf, und jede Person markiert für sich, wie sie dazu steht. Der Vorteil gegenüber einem offenen Gespräch: Niemand muss ein Thema als Erste oder Erster ansprechen, und niemand muss ein Nein laut begründen.
Die bekannteste Vorlage kommt von der Aufklärungsseite Scarleteen. Sie ist deutlich breiter als eine Sammlung von Praktiken und fragt auch nach Körpergrenzen, nach Wörtern, die jemand mag oder nicht hören möchte, nach Sicherheit und nach dem, was hinterher guttut. Auf Deutsch bietet das Projekt queer_topia* kostenlose Listen mit dreistufiger Skala und geschlechtsneutraler Sprache an.
Geeignet ist die Liste für Paare in jeder Phase: am Anfang, um einander kennenzulernen, und nach vielen Jahren, um zu prüfen, ob die alten Annahmen noch stimmen. Voraussetzung ist, dass beide freiwillig mitmachen. Wenn eine Person nur auf Drängen ausfüllt, verliert das Verfahren seinen Sinn.
Eine Einschränkung vorweg: Die Liste kommt aus der Bildungs- und Beratungspraxis. Eine Studie, die prüft, ob das Ausfüllen Paare zufriedener macht, haben wir bei unserer Recherche nicht gefunden.
Welche Antworten es gibt
Drei Antworten sind das Minimum. Viele Listen gehen weiter, weil zwischen einem begeisterten Ja und einem Ja aus Gefälligkeit ein Unterschied liegt. Scarleteen verwendet sechs Antworten: Ja, Nein, Vielleicht, Weiß nicht, Fantasie und Trifft nicht zu. „Fantasie“ steht für etwas, woran jemand gern denkt, ohne es erleben zu wollen.
Für Paare genügt meist eine Skala mit vier oder fünf Stufen. Klärt vorher, was ein Vielleicht bedeutet: Es ist eine Einladung zum Gespräch und keine Zusage.
Die Liste von Bex Caputo unterscheidet, soweit wir sie aus Beschreibungen anderer kennen, fünf Stufen. Die Erläuterungen hinter dem Doppelpunkt stammen von uns:
- Ja, will ich: Das wünsche ich mir von mir aus.
- Ja, bin bereit: Ich mache gern mit, wenn du es möchtest.
- Vielleicht: Darüber möchte ich erst reden.
- Weiches Nein: im Moment nicht, das kann sich ändern.
- Hartes Nein: auf keinen Fall.
Geben und Empfangen getrennt beantworten
Sorgfältige Listen fragen jede Aktivität, die eine Richtung hat, doppelt ab: einmal für das Geben, einmal für das Empfangen. Jemand kann sehr gern den Rücken massieren und selbst ungern massiert werden. Jemand hört vielleicht gern zu, wenn der andere von einem Wunsch erzählt, möchte eigene Wünsche aber lieber für sich behalten. Eine einzige Antwort pro Zeile würde diese Unterschiede verdecken.
Als Treffer zählt ein Punkt deshalb nur, wenn die Richtungen zueinander passen: Die eine Person möchte geben, die andere empfangen. Die Vorlage von Scarleteen führt solche Punkte durchgehend in zwei Zeilen. Wenn ihr eine eigene Liste schreibt, legt einfach zwei Spalten an.
Ähnliches gilt für den Unterschied zwischen Wollen und Mitmachen. „Ich wünsche mir das“ und „Ich bin dabei, wenn du es dir wünschst“ sind beides legitime Antworten, sie sagen aber Verschiedenes. Für den anderen ist es wertvoll zu wissen, welche von beiden gemeint ist.
So füllt ihr die Liste aus: Schritt für Schritt
Plant zwei Termine ein, einen zum Ausfüllen und einen zum Besprechen. Dazwischen darf ein Tag liegen.
Auf Papier bleibt das Vergleichen unvollkommen: Wer vorliest, zeigt die eigenen Ja-Antworten, und Schweigen lässt Rückschlüsse zu. Vereinbart deshalb vorher, dass niemand nachfragt, warum zu einem Punkt nichts kam.
- Einigt euch auf eine Vorlage und eine Skala, und klärt, was jede Antwort bedeutet.
- Füllt die Liste getrennt aus, in verschiedenen Räumen und ohne Zeitdruck. Antwortet für heute; niemand legt sich für immer fest.
- Ergänzt am Ende frei, was euch wichtig ist: Stellen, an denen ihr nicht berührt werden möchtet, Wörter, die ihr nicht hören wollt, und alles, was bei euch etwas auslösen kann.
- Vergleicht nur Übereinstimmungen. Eine Person liest der Reihe nach ihre Ja-Punkte vor, die andere sagt nur dann etwas, wenn sie denselben Punkt mit Ja oder Vielleicht markiert hat. Danach wird getauscht.
- Sprecht über die Treffer: Was davon reizt euch zuerst, was braucht noch ein Gespräch?
- Legt die Listen weg oder vernichtet sie, und wiederholt das Ganze nach einigen Monaten. Antworten ändern sich.
Jugendfreie Beispielkategorien für den Anfang
Ihr müsst nicht mit einer langen Vorlage beginnen. Eine erste eigene Liste kann aus zehn harmlosen Punkten bestehen, an denen ihr das Verfahren übt. Schreibt jeden Punkt, bei dem es passt, einmal mit „geben“ und einmal mit „empfangen“ auf.
- Händchenhalten und Umarmungen in der Öffentlichkeit
- Lange Küsse zur Begrüßung und zum Abschied
- Rücken-, Hand- oder Fußmassage (geben / empfangen)
- Kuscheln ohne weitere Erwartung
- Gemeinsam baden oder duschen
- Licht an oder gedimmt, wenn ihr euch nah seid
- Komplimente über den Körper (machen / hören)
- Von eigenen Wünschen erzählen / Wünsche des anderen hören
- Sich gegenseitig etwas vorlesen
- Gemeinsam tanzen, zu Hause oder auswärts
- Überraschungen im Alltag, etwa eine Nachricht am Mittag
- Was nach einem nahen Moment guttut: reden, Ruhe, gehalten werden
Nach dem Vergleich: Was ihr mit den Ergebnissen macht
Ein beidseitiges Ja ist eine Einladung und kein Auftrag. Niemand muss etwas tun, nur weil es auf beiden Zetteln steht, und jede Antwort lässt sich jederzeit zurücknehmen. Ein beidseitiges Vielleicht verdient ein eigenes Gespräch: Unter welchen Bedingungen wäre es ein Ja, und was spricht dagegen? Sucht euch aus den Treffern einen einzigen Punkt für die nächste Zeit aus. Eine lange Aufgabenliste erzeugt den Druck, den das Verfahren vermeiden soll.
Über alles, was kein Treffer war, wird nicht gesprochen, außer jemand bringt es von sich aus zur Sprache. Diese Abmachung ist der Kern des Verfahrens, denn nur so antworten beide ehrlich. Wie ihr das anschließende Gespräch führt, beschreibt der Artikel Über Wünsche reden.
Wenn beim Ausfüllen belastende Erinnerungen hochkommen oder eine Person sich zu Antworten gedrängt fühlt, ist eine Beratung, etwa bei pro familia, der bessere nächste Schritt.
Die Liste als App oder Spiel
Digitale Varianten lösen das Problem, das Papier nicht lösen kann: Beide antworten verdeckt, und angezeigt wird nur die Schnittmenge. Nach diesem Prinzip arbeitet auch Unser Abend, ein Kartenspiel für erwachsene Paare. Beide wählen für sich allein, ins Spiel kommt nur, was beide gewählt haben, und die Karten sind in sechs Stufen geordnet.
Wer nach dem Vergleich mit etwas Ruhigem beginnen möchte, findet in der Anleitung zur Partnermassage einen Einstieg.
Häufige Fragen
Was ist eine Ja-Nein-Vielleicht-Liste?
Eine Liste mit Aktivitäten und Situationen rund um Nähe, zu denen jede Person für sich Ja, Nein oder Vielleicht ankreuzt. Paare vergleichen danach nur die Punkte, bei denen beide Ja oder Vielleicht gewählt haben.
Wo finde ich eine Ja-Nein-Vielleicht-Liste auf Deutsch?
Das Projekt queer_topia* stellt deutschsprachige Listen kostenlos bereit. Die ausführliche englische Vorlage von Scarleteen gibt es als PDF; ihr könnt euch auch eine eigene kurze Liste schreiben.
Was bedeutet „Vielleicht“ auf der Liste?
Vielleicht heißt: Ich bin unsicher oder es kommt auf die Umstände an, und ich möchte erst darüber reden. Es ist keine Zustimmung und sollte nie wie ein Ja behandelt werden.
Muss ich zeigen, was ich mit Nein angekreuzt habe?
Nein. Der Sinn des Verfahrens ist, dass nur Übereinstimmungen besprochen werden und ein Nein weder gezeigt noch begründet werden muss.
Wie oft sollte man die Liste neu ausfüllen?
Eine feste Regel gibt es nicht. Weil sich Vorlieben und Grenzen ändern, ist eine Wiederholung nach einigen Monaten oder nach größeren Veränderungen im Leben sinnvoll.